Johannes Nagel
vessels, perhaps

Form follows function

Im ursprünglichen Axiom folgt die Form der Funktion als Gestalt die dem Zweck entspricht. Die Funktionalität in dieser Arbeit bezieht sich nicht auf das Potential eines Dinges nützlich zu sein, sondern auf die Logik der Herstellung.
Die notwendigen Arbeitsschritte für eine Gießform mit der man Objekte in Porzellan reproduzieren kann, unterliegen bestimmten Bedingungen. Es muss eine Art dreidimensionale Schablone aus Gips hergestellt werden, die ein geschlossenes Volumen, ein Gefäß für das flüssige Porzellan bildet. Die meist mehrteilige Schablone muss do auseinander genommen werden können, dass das Modell, um das sie entsteht und dann das reproduzierte Objekt nicht verletzt werden.
Ich unterbreche diesen Vorgang vor der Vollendung und verwende die Schablone unvollständig. Die Funktion der (Gieß)Form wird erweitert. Sie wird als Fragment Teil des Objektes und bildet einen Übergang, eine Grenze, wie der Rahmen ein Bild von der Wand trennt.

 

... und für ausdauernde Leser:

Form follows function - ein Essay zum Arbeitstitel

„Form Follows Function“ ist eine beeindruckende Alliteration. Mit dreimalig gleichem Anlaut wird ein schlüssiges Gesetz über den Aufbau der Welt formuliert. Form und Funktion sind zwei Eigenschaften, mit denen wir unsere materielle und zwischenmenschliche Umgebung in ihrer Erscheinung und Bedeutung beschreiben können. Das mittlere Wort klärt die Bezugsrichtung, die Form folgt der Funktion; anders formuliert, ist die Form die Gestalt, in der sich eine Rolle, Aufgabe oder Bestimmung ausdrückt und zeigt. Der Architekt Louis H. Sullivan benutzte den Ausdruck 1896 in einem Aufsatz über die Architektur (von Hochhäusern) als Erster. „Form Follows Function“ galt ihm als natürliches Gesetz.

„Ob es der gravitätische Adler in seinem Flug ist oder die geöffnete Apfelblüte, das sich abplagende Arbeitspferd, der anmutige Schwan, die sich abzweigende Eiche, der sich schlängelnde Strom an seiner Quelle, die treibenden Wolken, die überall scheinende Sonne – die Form folgt immer der Funktion, und das ist das Gesetz. (....)
Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.“i  

Heute wird „Form Follows Function“ meist im engeren Kontext des Designs und der Architektur (des beginnenden 20. Jahrhunderts) verwendet. Als historischer Leitsatz des Gestaltens folgt die Form der Funktion als Gestalt, die dem Zweck entspricht. Er fordert eine Konzentration auf diesen reinen Zusammenhang. Die Aufgabenstellung suggeriert, dass nicht ein (individueller) gestalterischer Wille und ästhetisch-optische Kriterien den Entwurf eines Gerätes bestimmen, sondern dessen praktische Notwendigkeit und Bestimmung im Leben des Menschen. Am Beispiel des Bauhauses wird deutlich, dass das Notwendige nicht nur über einen pragmatischen Funktionszusammenhang bestimmt wurde, sondern dass dieser selbst überformt war von einer sozialen Utopie. Die Frage nach der Funktion war also auch die Frage nach einem Menschenbild, nach einem Ideal und nach Werten. Hier ist „Form Follows Function“ also nicht als Naturgesetz, sondern als Programm zu lesen. Die Geräte und Gebäude sollten zeigen, was sie sind und was sie können, sie sollten eine Klarheit der dinglichen Welt schaffen, die einem Ideal der Klarheit und Verantwortlichkeit des Menschen entsprach. 

Sullivan leitete aus der Feststellung des Gesetzes ebenfalls ein Ziel für Architektur und Kunst ab: „Und deshalb, wenn der angeborene Instinkt und die Empfindsamkeit die Ausübung unserer geliebten Kunst bestimmen; wenn es das bekannte Gesetz, das respektierte Gesetz sein wird, dass die Form der Funktion folgt; (...) dann kann behauptet werden, dass wir auf dem besten Wege sind zu einer natürlichen und befriedigenden Kunst, zu einer Architektur, die leben wird, weil sie von den Menschen und für die Menschen ist.“ii
Bei Sullivan scheint die Forderung  weniger von einer soziale Utopie getrieben als vom Glauben an die Überzeugungs- und Durchsetzungskraft des natürlichen Gesetzes – kein soziales  Experiment, sondern das Aufdecken einer eindeutigen natürlichen Wahrheit: der Zweck bricht sich Bahn und dringt an die sichtbare Oberfläche.

Wenn man „Form Follows Function“ als Naturgesetz betrachtet und nicht als Programm, muss die Funktion über das Zweckdienliche oder Soziale hinaus allgemeiner beschrieben werden: als grundlegende Eigenschaft der vierten Dimension, als innere Struktur, als Möglichkeit und Potential in der Entfaltung. Die vierte Dimension meint hier den Schritt nach der Beschreibung des Volumens oder der räumlichen Koordinaten: die Zeit, die Bewegung, die Veränderlichkeit und die Bestimmung. Die Funktion ist das, was möglich wird, wenn Leben eingehaucht ist. Die Funktion ist keine quantifizierbare Eigenschaft wie die Masse oder die Größe, sie ist die Bestimmung, aus der sich jegliche Form ergibt. Die Form erst macht es möglich, die Funktion in ihrer Erscheinung und Qualität zu erkennen und zu beschreiben. Die Form macht die Funktion mündig und ermöglicht  Kommunikation und Sprache.
Die Funktion wäre ohne Form gesichts- und sprachlos.
Die Form wäre ohne Funktion inhalts- und bedeutungslos weil ohne Bestimmung.

Fraglich ist, inwiefern das vermeintliche Naturgesetz „Form Follows Function“ im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst Gültigkeit beanspruchen kann. Als Erstes fällt auf, dass die Annahme einer sozialen, natürlichen oder sprachlichen Gebundenheit einem markanten Attribut der heutigen Kunstauffassung, der Autonomie, widerspricht.

Autonomie: (gr.: „nach eigenen Gesetzen lebend“): selbständig, unabhängig
Funktion: (klar umrissene) Aufgabe innerhalb eines größeren Zusammenhangs, Rolleiii

Die vereinfachende Gegenüberstellung der Definitionen aus dem Fremdwörterbuch lässt Autonomie und Funktion entgegengesetzt erscheinen. Das Unabhängige, nach eigenen Gesetzen Lebende sperrt sich gegen eine klare Rollenzuweisung und Vereinnahmung. Um wirklich autonom zu existieren, darf Kunst nicht in Funktionen oder Bedingungen gebunden sein. Diese unerreichbare Zielsetzung schon, beansprucht für die zeitgenössische Kunst eine Position jenseits eines Naturgesetzes im Sinne Sullivans. Kann Kunst aber ohne eine Bindung an den Zusammenhang von Form und Funktion existieren?  Wenn ich hier noch einmal die Schlussfolgerung des letzten Abschnitts anführe, das die Funktion ohne die Form gesichts- und sprachlos wäre und die Form ohne Funktion inhalts- und bedeutungslos, dann müsste man behaupten, das sie nicht existieren kann, jedenfalls nicht mit Bedeutung oder von aussen erkennbarer Qualität. Diese sinnlose Sackgasse lässt sich dadurch öffnen, das man die Autonomie als Gegenstand und Selbstverständnis der zeitgenössischen Kunst bestimmt.
Es ist einleuchtend und leicht gesagt, dass Kunst unabhängig sein muss, um als kritischer Zeitspiegel und visionsreiches Spiel zu bestehen. Wie funktioniert aber der Austausch zwischen den Welten? Wie lässt sich das nur nach eigenen Regeln Erschaffene von außerhalb dieses Werkes Stehenden lesen oder erahnen? Wie wird es bedeutungsvoll?
Für das Funktionieren von Kunst ist ein knapper Übersprung, eine dünne Berührung notwendig: Eine Autonomie, die gerade so ins Lesbare, sich Mitteilende neigt. Der große Zusammenhang (der Funktionen), der eine Lücke hat, ein Freistelle, die schwebend besetzt wird. An dem Übersprung vom Unabhängigen, nach eignen intimen Gesetzen Lebenden, zum größeren Zusammenhang entsteht eine Art poetische Fragwürdigkeit als Schnittmenge. Die Behauptung, dass Kunst autonom und bedeutungsvoll sei, ist nur möglich, wenn es eine gemeinsame Schnittmenge zwischen der intimen/persönlichen Sprache und dem großen Zusammenhang gibt. Sonst ist sie entweder nicht autonom, also generell in Funktionen gebunden und angewandt oder vollkommen beziehungslos. Die knappe Überschneidung erzeugt den Wahrnehmungsraum der Kunst. Sie ist eine individuelle Störung des Verhältnisses von Form und Funktion, die von Anderen wahrgenommen werden kann. Poesie schiebt sich als Unschärfe in das Verhältnis zwischen Form und Funktion.

Die Form, die Poesie in der Sprache bezeichnet, ist das Bildhafte. Es wird also nichts direkt bezeichnet oder definiert, sondern ein Assoziationsfeld geschaffen, indem eine Erscheinung als Bild  beschrieben wird. Der Schritt von der Wahrnehmung zum Wort wird immer wieder neu vollzogen. Das Einzigartige des persönlichen Blickes wird in einem System, der Sprache, gefasst und kann von Anderen gelesen werden. Der Empfänger wird zum Produzieren eines Bildes angeregt. Das Bild ist wieder persönlich, das Feld war bestimmt. Oft erzeugt der Sender dabei mehr als er versteht, er kann es selbst nur ahnen.
Die Funktion der bildhaften Sprache ist der Transport des persönlichen Blickes und Standpunktes und des Unsagbaren. Die Form des Bildes muss dieser Aufgabe entsprechen, es muss präzise genug sein um das Assoziationsfeld abzugrenzen und offen genug um wieder ein persönliches und damit intimes Bild zu erzeugen.
Form und Funktion sind hier unbedingt voneinander abhängig und der Zusammenhang behauptet sich als natürliches und notwendiges Gesetz der Kommunikation. „Form Follows Function“ - aus der Form ist die Funktion erkennbar - wird zur Definition für Sprache und zur Feststellung für die Notwendigkeit eines Kollektiven, eines gemeinsamen Nenners.
Als Analogie kann man behaupten, das „Form Follows Function“  grundsätzlich, also im Sinne der Sprachfähigkeit, auch für die Kunst gelten muss. Die Unschärfe der Poesie widerspricht dem nicht.

Die hoffnungsvolle Schlussfolgerung, die Sullivan im 19.Jahrhundert aus der Formulierung des Naturgesetzes ableitet, entspringt dem Zeitgeist am Beginn einer Ära der rasanten Entwicklungen und sozialen Utopien. „Wenn der angeborene Instinkt und die Empfindsamkeit die Ausübung unserer geliebten Kunst bestimmen; ..., dann kann behauptet werden, dass wir auf dem besten Wege sind, zu einer natürlichen und befriedigenden Kunst.“
Sullivans Prognose der „Natürlichkeit“ wirkt im Spiegel der vergangenen hundert Jahre fast naiv und ins Gegenteil verkehrt. Auch wenn es immer eine Sehnsucht nach dem „Natürlichen“ gibt, ist unsere Perspektive im 21. Jahrhundert eher die, an einem anderen Ende angekommen zu sein.
Die Motivation zur Entwicklung der Gesellschaft als sinnstiftende Gemeinschaft ist durch eine Ungläubigkeit gegenüber Ideologie und Utopie hinter die persönliche Entwicklung und Zielsetzung zurückgetreten. Das Verständnis der Welt als Ansammlung paralleler individueller Wahrheiten und Ziele äußert sich in der Gleichzeitigkeit vieler unterschiedlicher Bewegungen. Das System wird als pluralistisch gekennzeichnet. Weltbild, Glauben und Sinn erscheinen als individuell und frei wählbar. Wie groß diese Freiheit tatsächlich ist, ist strittig. Auf jeden Fall aber ergibt sich die Notwendigkeit und Verantwortung, einen persönlichen Standpunkt zu suchen und zu bestimmen. Die Suche nach der persönlichen Bedeutung hat eine Entsprechung in der Fragerichtung und Sinngebung der Kunst.
Das Selbstreflektierende der zeitgenössischen Kunst findet seinen Ausdruck in einem Thematisieren von  Kommunikation und damit des Zusammenhangs von Form und Funktion. Der Zweifel am Sinn mancher Bedingungen und der Gültigkeit von gesetzten Funktionen, Rollen und Aufgaben in einem fragwürdigen großen Zusammenhang zeigt sich in einer Entbundenheit der Form. Mit dieser Entbundenheit möchte ich eine Uneindeutigkeit im Zusammenhang von Form und Funktion benennen, die für unsere Zeit und die zeitgenössische Kunst bezeichnend ist. Die unbestimmbare Metapher, Objekte, die sich dem direkten Erlebnis verweigern und nur intellektuell erfassbar sind, das Bild, das sein Bildsein thematisiert – eine Sprache, die auf die eigene Störung, ihre Vieldeutigkeit und das hermetische des persönlichen Bildes verweist. Es ist die Erprobung eines Grenzwertes mit dem Ziel, das zeitgenössisch Relevante durch die Untersuchung der benutzten Sprache einzukreisen.
Die Uneindeutigkeit von Form und Funktion erfordert (umso mehr) die Bestimmung des eigenen Standpunktes. Es gilt nicht, die eine Wahrheit zu erkennen, sondern ein Selbstbewusstsein gegenüber den Möglichkeiten der Metapher zu finden.