Johannes Nagel
vessels, perhaps

Gefäße/Archetypen

„Meist wird die Wahrnehmung auch als mehrstufiger Prozess des Mustervergleichs aufgefasst. Der Mensch sucht während der Wahrnehmung eines visuellen Reizes ein Schema bzw. Muster, das für das Erkennen des Reizes geeignet ist, und nutzt dann dieses Schema für die mit der Wahrnehmung verbundene Informationsverarbeitung.“ (Gladbach 1994, S. 53)

Für die Skulptur war und ist immer die menschliche Figur ein Bezugspunkt. Die Figur, der Mensch kann in seinem individuellen Ausdruck Thema sein, als Zeichen einen Sinnzusammenhang konstruieren, eine Geschichte erzählen oder einfach als Maßstab, das nicht dargestellte Gegenüber sein. Der Umgang mit der Figur bezieht sich natürlich immer auf die vorangegangen Entwicklungen, enthält die Geschichte der Kunst. Neben der Stilgeschichte gibt es aber das konkrete Gegenüber (der Schaffende ist ein Mensch und der Betrachter auch), das unabhängig von jeder Interpretation existiert.
Ein Gefäß hat als Referenz  die eigene Stilgeschichte und die Funktion. Einen Inhalt aufzubewahren, zu servieren oder präsentieren, orientiert sich an menschlichen Bedürfnissen. Die Notwendigkeit, die Form, die den Inhalt bewahrt, zu erzeugen, trifft auf das Bedürfnis sich auszudrücken und Dinge zu weihen oder ihnen Wert beizumessen. Von Anfang an waren Gefäße gestaltet. Formen haben sich aus den technischen Fertigkeiten, den praktischen Notwendigkeiten und einem Sinn für Rituale ergeben. Rituale sind der Ursprung von Zivilisation und Kultur. Sie geben dem Gestaltlosen eine Form. In ihnen entwickelt sich ein Gemeinsinn, der über das Lebensnotwendige hinausgeht und sich auf etwas Erhabenes, Größeres bezieht. Aus dem Bedürfnis, das darzustellen und zu ehren, hat sich die Kunst entwickelt.
Die Rituale haben sich verändert, die Zivilisation hat Blüten getrieben, die Kunst ist immer ihr Spiegel. Die Herstellung von Gefäßen ist eine selbstverständliche Kulturtechnik der Menschheit und man kann analog zur Rolle der Figur in der Bildhauerei behaupten, dass Rituale das konkrete Gegenüber des Gefäßes sind.
Die Kunst hat im 20. Jahrhundert einen Sprung gemacht und ist selbst-bewusst geworden. Sie hat angefangen, sich selbst zu reflektieren und  sich nach und nach zu einem eigenen System mit eigener Sprache zu entwickeln.
Mit dem Abstand einer nicht-alltäglichen Sprache beobachtet und beschreibt der Künstler die Welt und erzeugt Visionen und ist doch selber Teil des Alltags. „Der Künstler komponiert das, was von seiner Kultur vorgebracht (oder zurückgewiesen) wird, und das, was von seinem eigenen Körper insistiert.“ (Barthes 1983, S. 31)
So kann „Gefäß“ heute ein Thema sein, indem Funktion und Ritual, die eigene Geschichte und die Zukunft reflektiert wird.
Beziehen sich Rituale noch auf etwas Erhabenes? Schaffen sie Gemeinsinn? Was für eine Funktion haben Gefäße heute?
Der Afrikaner Romuald Hazoumé arbeitet mit Kanistern. In seinem Heimatland Benin ist der Kanister der verbreitetste Gebrauchsgegenstand, er ist gleichzeitig Werkzeug, Überlebens- und Kultobjekt (Vgl. Kat. Documenta 2007, S. 258). Auf der Documenta 2007 wurden zwei Arbeiten von ihm vorgestellt, eine Reihe von traditionellen Masken und ein Fluchtboot in die bessere Welt. Bei beiden Arbeiten sind Kanister das Material. Durch sparsame Eingriffe werden sie zu Geistermasken geadelt oder als Baumaterial für die Flucht aus schwierigen Lebensbedingungen genutzt. Kanister sind ein Abfallprodukt der Reichen Welt, in Benin und in der Arbeit von Romuald Hazoumé werden sie wertvoll. Sie sind so ein Symbol für die ungleiche Verteilung des Reichtums auf der Welt, aber auch für den Erfindungsreichtum einer Kultur. 

Romuald Hazoumé, Dream, 2007                                                   Dogone, 1996, Agassa, 1997,Citoyenne, 1997
                                                                                                                Moon, 2003

Ich möchte mich hier aber auf die allgegenwärtige Tradition der Ziergefäße, der Vasen beziehen. Sie sind für unsere Kultur in ihrer Entwicklung einschließlich der vielfältigen Einflüsse besonders repräsentativ. Trotz der Variationen und Dekorationen, die jeweils eine Zuspitzung des Zeitgeschmacks/-geistes sind, haben sich die Formen erstaunlich wenig geändert. Deswegen eignet sich die Vase auch besonders als Schema, als Ikon für das Gefäß und seine Geschichte. Es öffnet sich ein Raum der Anspielungen auf historisch Bekanntes und auf persönlich Vertrautes.
Dieses Schema ist einfach erzeugt, die Freiheit der (Er)findungen dann grenzenlos. 
Ich arbeite bewusst und unbewusst mit solchen Mustern. Die Muster werden erkannt, sie sind Archetypen, Urbilder. Um deren Existenz auf etwas objektiverem Fundament zeigen zu können, habe ich einen Test durchgeführt.

Der Test
80 Testpersonen unterschiedlicher Altersgruppen wurden aufgefordert, einen genannten Begriff spontan und ohne nachzudenken zu zeichnen. Um eine Konzentration auf den untersuchten Begriff zu verhindern wurden sechs Gegenstände benannt: Telefon, Vase, Wecker, Stuhl, Kaffeekanne, Blumenvase. Die Begriffe wurden in schneller Abfolge genannt, um zu verhindern, dass die Testpersonen vor dem Zeichnen darüber nachdenken. Dadurch sollte der sprachlich-analytische Teil des Gedächtnisses umgangen werden, um sich an die unter der Bewusstseinsschwelle liegenden Vorstellungen und Bilder anzunähern. 
Der Test folgt den systematischen Ausarbeitungen und deren Umsetzung von Martina Gladbach in „Archetypen von Produkten“, bei denen für Produktmuster relevante Archetypen untersucht wurden. Alle Gegenstände meines Tests außer Vase und Blumenvase sind Begriffe, die bereits von M. Gladbach untersucht worden waren. Ich habe sie als Vergleichsbegriffe übernommen, um angesichts des geringen Testumfangs die Relevanz meiner Ergebnisse einschätzen zu können. Die Testergebnisse waren schon nach dem ersten Durchgang aussagekräftig. Meine Ergebnisse entsprechen denen von M. Gladbach.
Die gezeichneten Formen zum Begriff Vase lassen sich zu wenigen Schemata zusammenfassen. 

schemata

Archetypen Schemata                                                                              George E. Ohr, Vase, 1895 – 1900

Unschärfe
Ein Schema oder Muster wird erkannt und beschäftigt an sich die Aufmerksamkeit nicht weiter. Das, was von dem Muster abweicht, ist von Interesse. In der Abweichung liegt der Ausdruck, die Intelligenz einer Form. Ich möchte diese Abweichung Unschärfe nennen. Wird eine Form stark verändert, entsteht eine neue. Unschärfe ist die Nuance dazwischen, bevor ein Muster aufgelöst und ein anderes erkannt wird. Das ist der spannendste Zustand einer Arbeit, gehalten zwischen Lesbarkeit und Um-/Unordnung.
Dieser Bereich der Offenheit ist nicht ungenau, wenn er gemeint und selbstverständlich ist. Er ermöglicht das Vertiefen in eine Arbeit. Ein dort gefundener Gehalt ist dann ganz persönlich wertvoll, weil er selbst „ersehen“ und gefunden, durch die eigene Intensität am Werk erarbeitet ist. Daher rührt die gelegentliche Euphorie beim Betrachten von Kunst. 
Ich möchte Unschärfe also auf dreidimensionale plastische Formen beziehen.      
Analogien zur Fotografie sind möglich, scheinen mir aber konstruiert. Um die „plastische Unschärfe“ etwas zu illustrieren, möchte ich die Arbeit eines amerikanischen Töpfers des neunzehnten Jahrhunderts vorstellen, George E. Ohr, „the mad potter of Biloxi, Mississippi“. Bekannt als exzentrischer Charakter und selbstbewusster Visionär schuf er ein keramisches Werk, das zu seinen Lebzeiten kaum gewürdigt wurde. Er war sich bewusst, seiner Zeit voraus zu sein und prophezeite eine großartige spätere Wertschätzung und Würdigung. Tatsächlich wurden seine Arbeiten in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wiederentdeckt und erhielten ihren selbstverständlichen Platz in der amerikanischen Kunstwelt. (Vgl. Clark 1989)
An seinen Arbeiten lässt sich auf eine einfache und übersichtliche Weise zeigen, wie die Form einer Vase unscharf werden kann. Ein gedrehter Topf wurde gezielt verformt, bis der ursprüngliche Zustand soweit verändert ist, dass sich neue Proportionen ergeben. Irgendwie entsprechen sie der Vorstellung einer Vase. Bis zu einem Punkt, nachdem der Ausgangskörper  völlig aufgelöst ist, enthält die Verformung die Erinnerung an den Urzustand, der Eingriff ist stets präsent, eine ganz konkrete Geste.  
Man kann die Form nicht ganz erfassen und festlegen; es ist, als würde sie sich immer wieder auffalten wollen, als dränge sie in den Urzustand zurück.
Diese Dynamik erzeugt hier die plastische Unschärfe.
Die wiederholte Verformung wird zum statisch heiklen Ornament, haarscharf an der Grenze zum Kollaps und zum Kitsch. 
Eine glückliche Findung.