Johannes Nagel
vessels, perhaps

Kaji Nanakos geordnete Improvisationen
Die japanische Künstlerin/Keramikerin Kaji Nanako wurde 1953 in Kyoto geboren. Sie lebt heute in der Nähe von Kyoto auf dem Land. Seit Ende der siebziger Jahre hat sie in vielen Ausstellungen ein konzentriertes keramisches Werk vorgestellt. Sie beschäftigt sich mit Tanz, Performance und Bühnenbild.

Kaji Nanako, 2006

Kaji Nanakos Formkompositionen entstehen in zwei Phasen. Sie beginnt mit einer plastischen Improvisation. Dazu hört sie Freejazz, z.B. „The Light of Corona“ von Cecil Taylor und (er)findet Formen aus Porzellan.

Cecil Taylor: afroamerikanischer Jazzpianist, *25. 3. 1933 New York; einer der führenden Repräsentanten des Free Jazz; verbindet in seinem höchst ekstatischen Spiel Elemente der Avantgarde mit der Emotionalität des Jazz. (Das neue Taschenlexikon 1992)

The Light of Corona – One  [Corona: Kranz, Krone; Heiligenschein an einer Figur, Strahlenkranz der Sonne…]

Spärliches Klatschen, Stampfen, Geräusche aus Instrumenten und Stimme, nicht als Rhythmus, sondern als lose Abfolge, die anschwillt und abschwillt. Es gibt nur den großen Rhythmus des Schwellens, zusammengesetzt aus unzähligen spontanen Einfällen; einzelne Ton oder Lautfolgen finden sich zusammen mit der Dramaturgie eines abstrakten Hörspiels.
Daraus entwickelt sich dann doch eine Art Rhythmus, eine treibende Abfolge von Tönen und Geräuschen; die Impulse ergeben für Momente eine knappe musikalische Ordnung, die sofort wieder gebrochen wird.                  
Es fehlt das Regelmäßige, ein wiederholtes oder erkennbares Prinzip, um ein harmonisches Ganzes zu erzeugen. Vielleicht gibt es eine Meta-Harmonie, die nur aus dem erhörten Über-Blick entstehen kann.
Die Hör-Erinnerung bleibt ungenau hängen, während die nächsten Töne sich übereinander schieben. Die Musik ist so akut, dass gleichzeitiges Erinnern und Mithören schwer fällt. Die Elemente lassen sich auch kaum erinnern, da sie spontan chaotische Findungen sind. Man kann aus jedem Jetzt nie entkommen.
In diesem äußeren und inneren Raum schneidet, bricht, zieht, dehnt und quetscht Kaji Nanako Klumpen von Porzellan, formt Teile, die weder amorph noch geometrisch sind, Formteile, die keinen Regeln folgen, die nur die Zustimmung, die momentane Anerkennung als selbstverständliches Ding brauchen. Durch die alle Aufmerksamkeit fordernde Musik lässt sich ein Vergeistigen des Sehens und Handelns verhindern – eine Art Meditation/Konzentration durch Ablenkung und Chaos, die reine Geste. Diese Phase des Sich–Selbst–Aussaugens ergibt bei Kaji Nanako spannende undefinierbare Porzellanformen. Das ist die impulsive Phase.
Es folgt ein langes mühsames Ringen, um diese Formen zu Kompositionen zusammenzufügen, die keinerlei gegenständliche Assoziationen zulassen. Komponieren heißt, etwas nach bestimmten Regeln ordnen [FWB: (ein Kunstwerk nach bestimmten Gesetzen) aufbauen, gestalten]. Die Prinzipien sind für jedes Stück neu erfunden. Sie kämpft bei dieser Arbeit ständig um die Grenzbereiche der Harmonie, der Ordnung.
Ich denke, dass das Ziel eine genauso akute Komposition wie in der vorher beschriebenen Musik ist. Es entsteht kein Objekt zur Musik, sondern eine durch Musik inspirierte, beim Entstehen unterstützte Plastik. Genug Ordnung, um eine eindeutige menschliche Äußerung zu sein – genug Offenheit, um unlösbar, unerfassbar zu erscheinen.
Für mich ist das Thema der Arbeit dieses Zusammentreffen von spontan impulsivem Handeln und einem ordnenden Denken mit dem Auge, das die unbekannte Lösung finden will. Deren Gewichtung und Zusammenspiel wird in jeder Komposition neu erkundet und erprobt.
Kaji Nanakos äußert selbst: Within this world I work on and on to confirm my existence. (Kaji 1992, S.3) / In dieser Welt arbeite ich immer weiter, um meine Existenz zu bestätigen. Das klingt nach einem Gemeinplatz, ist bei ihr aber angemessen ausgesprochen, da ihr Arbeitsprozess so ein konkreter Spiegel menschlicher Erkenntnisprozesse  ist. Sie steht hier aber sicherlich exemplarisch für eine künstlerische Arbeitsweise.  

Kaji Nanako, 2006